SBK053 Marken

Von Verheißungen, Absatzmärkten und Spitzenreitern

Veröffentlicht am 28.02.2015
Laufzeit: 0 Stunden und 49 Minuten



MarkenKeine Angst: Wir versinken nicht in blinder Ostalgie im Angesicht all der DDR-Marken, die heute zwangsläufig auftauchen. In dieser Episode sprechen wir über die Idee der Produktmarke und wie diese Idee in der DDR gelebt und wahrgenommen wurde. Welchen Stellenwert hatten Marken und wie beeinflussten sie das Kaufverhalten? Und wie immer bringt der Westen in der DDR alles durcheinander. Viel Spaß und Erkenntnisgewinn wünschen wir Euch mit dieser Folge.

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Moderation
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Martin Fischer
Zu Gast
Team
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Sven Sedivy
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Monja Schreppel

Intro und Begrüßung

00:00:00

Markenbewusstsein

00:00:33

SBK026 Lebensmittel <//www.staatsbuergerkunde-podcast.de/2013/08/31/sbk026-lebensmittel/> — Marke — Kombinat — VEB — ORWO — Agfa — Kriepa — Rolf Herricht — Eberhard Cohrs — Tausend Tele-Tipps — f6 — Cabinet — Piasten — Meißner Porzellan — Kahla-Porzellan — Delikatladen — Exquisit-Laden — Erzgebirgische Volkskunst — Spreewald-Gurken — Greiz — Trabant

Bewährte Qualität 00:23:24

Spee — Florena — Knusperflocken — Nudossi — Filinchen — Rotkäppchen-Sekt — Nordhäuser Doppelkorn — Goldkrone — Jenaer Glas — Bürgel — Schallplatten-Labels — Barkas — Fit — Pouva — Certo — Podcaster-Porträt — AKA electric — Rondo — Zahnpasta

Zu guter Letzt

00:47:18

25 Gedanken zu „SBK053 Marken

  1. Hallo Leute,

    wie immer eine tolle und interessante Sendung. Das Thema Marken hat mich auch damals schon ein bißchen beschäftigt (und nach der Wende bin ich ja auch im Bereich Marketing/Vertrieb tätig). Es gab durchaus einige Marken, die auch zu meiner bewußten Zeit noch beworben wurden. Allerdings gab es keine TV Werbung für ein Produkt XY. Ich kann mich aber an „Produktvorstellungen“ erinnern, wenn es mal etwas neues gab. Z.B. SIMSON hat ein neues Moped rausgebracht, DIAMANT ein neues Fahrrad, der neue KC kam oder die „ACTION“ Linie an Deos/Duschbad usw. Das war allerdings keine Werbung, wie wir es heute kennen.

    Übrigens neben den ORWO Farbfilmen gab es in Zeiten von Knappheit auch irgendwelche russischen Farbfilme. So, wie es auch von anderen Produkten manchmal russische Pendants gab. Das bekannteste wird wohl der RADUGA Fernseher gewesen sein. Im Volksmund „Zimmerbrand aus Freundesland“, weil er eine extreme Hitze entwickelt hat (inklusive stundenlangem Nachglühen). Das führte dazu, daß die Presspappe Schrankwände aus Hellerau gern mal in Flammen aufgingen.

    Zu den Kassettenrecordern: Zu meiner Zeit hatten die DDR Kassettenrecorder schon eine gute Qualität erreicht. Ich habe selber mal in den Ferien bei Elektronik Gera den GERACORD zussammengebaut. Diese Geräte wurden wegen ihres robusten und präzisen Laufwerks auch als Datasette für die KC85 Computer einesetzt. Das könnte Dein Papa auch noch kennen. Auch die SKR (Stereo-Kassetten-Rekorder) waren ziemlich gut. Insbesondere die Variante mit den runden Lautsprechern. Diese hatte zwei Antennen und einen wahnsinnig guten Empfang. Ich konnte damit bei mir zuhause sogar hr3 empfangen und habe z.B. donnerstags immer die „Maxi-Stunde“ gehört und auf Kassette aufgenommen.

    Aber ihr habt ja schon gesagt, daß es gute und schlechte Sachen gab. Schlecht war z.B. der DDR Versuch einen Walkman zu bauen. Der brauchte 4 R6 Batterien (doppelt so viel wie BRD Pendants), die sehr schnell verbraucht waren. Er war auch total schwer und der Klang war…naja. Daß er Kassetten „gefressen“ hat, fiel wegen der anderen Nachteile kaum noch auf.

    Action: http://goo.gl/U5YXqO
    SKR 700: http://goo.gl/M2C2Vc
    GERACORD: http://goo.gl/4OP8mh
    DDR Walkman: http://goo.gl/45clYa

    • Danke für Deinen langen Kommentar mit den persönlichen Erinnerungen – den SKR hatten wir natürlich auch, war mir Weihnachten sogar einen Eintrag im Tagebuch wert, so toll war der!

  2. (Columbo Methode): ….was mir noch eingefallen ist:
    Ich habe die Sendung noch nicht ganz zu Ende gehört, deswegen weiß ich nicht, ob das noch kommt. Es gab auch Marken, die es in beiden TEilen Deutschlands parallel gab. Das lag wohl daran, daß in der Nachkriegszeit die Inhaber in den Westen geflohen sind und ihre Fertigung neu augebaut haben. Die alte Fabrik in der Ostzone produzierte weiter. Soweit ich das in Erinnerung habe, war das z.B. bei ODOL Mundwasser so.

    DDR Odol: http://goo.gl/zFdRhe
    BRD Odol: http://goo.gl/E4eCDc

  3. die Schlussfolgerung

    verschiedene Marken die eigentlich nur Phantasie-Namen für Produkte des selben Staatseigenen Betriebes sind, sind eigentlich sinnlos und haben nichts mit Wettbewerb zu tun

    fand ich besonders lustig.

    …jetzt nicht weil sie falsch wäre, sondern weil sie auf unsere aktuelle Situation auch prima zutrifft.

    Waschmitel zum Beispiel:
    Ariel, Lenor, Dash, Vizir – Proctor&Gamble

    Fewa, Spee, Weißer Riese, Terra, Persil, Bref, Biff, Sidol, Perwoll, Der General, Sidolin, Sil, Somat, … – Henkel

    Coral, Skip, Viss – Unilever

    Selbes gilt für fast alle anderen Produkte des täglichen Bedarfs.
    Badezimmer? Axe, Dove, Rexona, DuschDas, Signal, Impulse, Tony&Guy – alles Unilever
    Margarine? Rama, Becel, Bertolli, Lätta, Mazola, Sanella – auch alles Unilever

    • Aber vermutlich geht man heute bei der Namensfindung aufwändiger ans Werk – Fokusgruppen, Marktforschung etc. Aber prinzipiell sind es natürlich alles Phantasie-Namen. Sonst müssten bei der „Vielfalt“ ja die Spülmittel durchnummeriert werden und das stiftet ja auch Verwirrung 😉

  4. Hallo!

    Heutzutage kauft man mit einem Markennamen doch vor allem ein Image. Besonders deutlich ist das bei Produkten, auf die der Markenname übergroß vorn aufgedruckt ist (Londsdale Sweatshirts, Chanel Handtaschen, Kenwood Elektrogeräte).

    Früher wurden auch alle Produkte mit demselben Markennamen in demselben Konzern und Land hergestellt. Heutzutage verkauft z.B. eine schwedische Firma Lizenzen für den Namen AEG an viele verschiedene Firmen, sodass z.B. AEG Nähmaschinen billige China-Geräte sind, während andere Produkte von guter Qualität sein können (mir fällt nur gerade leider kein Beispiel ein):
    http://de.wikipedia.org/wiki/AEG

    Übrigens war die Qualität früher im Westen auch besser als heute. Meine Schwägerin hat ihre Braun-Küchenmaschine aus den 80er Jahren bis vor Kurzem noch benutzt. Ich benutze auch noch meinen Föhn von 1990. Wer schlau ist, lässt sich nicht von Markennamen und Werbung blenden (man kann Werbung ignorieren, das geht wirklich!), sondern schaut auf Testberichte und die Erfahrung von Freunden oder aus der Familie.

    Es gibt auch heute noch Textilien, die in Deutschland produziert werden, z.B. bei Trigema und bei vielen kleinen Anbietern auf Platformen wie Dawanda:
    http://trigema.de
    http://de.dawanda.com

    Ein gutes Essay über Billigtextilien vor allem von Primark hat Hoxton Handmade mal gemacht, Folge 51 „Slow Fashion“:
    https://itunes.apple.com/us/podcast/electric-sheep/id321277433?mt=2

    Warum Diskounter so billige T-Shirts verkaufen können, kann man z.B. hier lesen:
    http://www.zeit.de/2010/51/Billige-T-Shirts

    Wenn meine Oma zu Mauerzeiten nach Ostberlin gefahren ist, hat ihre Freundin vorher immer einen Brief geschrieben, der so anfing:
    „Liebe Lucie,
    wenn Du uns besuchen kommst, dann denk doch mal an:
    Jacobs Krönung Kaffee
    Signal Zahnpasta
    …“
    Das waren richtig lange Einkaufslisten mit Markennamen. Und meine Oma hat immer alles von der Liste gekauft und mitgebracht. Ich war damals immer sehr neidisch, weil wir selbst sehr wenig Geld hatten und immer nur bei Aldi eingekauft haben. Ich wäre damals lieber ein DDR-Kind gewesen. 😉

    Die 25 DM Zwangsumtausch hat meine Oma oft in Form von Schreibwaren (Briefpapier, Schulhefte etc.) angelegt, die ich immer sehr gern benutzt habe, weil das Papier saugfähiger war als das der Westprodukte. Als Linkshänderin ist mir in Westheften die Tinte immer verschmiert, in den Ostheften nicht. Das Briefpapier benutze ich heute noch (aber bald sind die letzten Vorräte aufgebraucht). Andere haben gern Fotozubehör gekauft (Diabetrachter, Fotopapier etc.). DDR-Markennamen kenne ich aus jener Zeit nicht, aber heute sind mir natürlich Fit (das Westpendant wäre Pril), Spee oder Florena bekannt.

    Vielen Dank für die interessante Folge!

    Liebe Grüße,
    Henriette

    • Wow, vielen Dank für Deine tollen Ergänzungen! Und bei der Geschichte mit dem Briefpapier habe ich mich auch wieder an meine Schulhefte erinnert bzw. daran, um wie viel glatter ich dann die „Westhefte“ fand, als ich hier zur Schule gegangen bin.

  5. hallo. Nur eine kleine Anmerkung zu Orwo. Mein damaliger Freund, ein leidenschaftlicher Fotograf, schwor auf Orwo-Schwarz-Weiß-Filme. Das war Mitte der 80er. Man konnte sie auch hier im Westen kaufen. Kurz nach der Wende hat er die Filme regelrecht gehamstert aus Angst, die Marke könnte verschwinden.
    PS: Riegelein Schokolade war unsere Hausmarke, da ich in einem Nachbarort der kleinen bayrischen Stadt Cadolzburg aufgewachsen bin, in der diese bis heute produziert wird. Für mich noch immer ein Stück Heimat mit der keine Milka mithalten kann.

    • OK, dann geben wir Riegelein auf jeden Fall den Lokalbonus – ich selbst kann mich leider gar nicht daran erinnern. Danke für Deinen Kommentar aber auf jeden Fall! Sind denn noch Orwo-Filme übrig?

  6. Wo ich den Kommentar mit der SChokolade lese, vielleicht solltet ihr mal eine Sendung über DDR Urban Legends machen. Mir fallen spontan ein paar ein, vielleicht haben andere auch noch welche:
    1. In DDR Schokolade soll angeblich eine große Menge Schweineblut verwendet worden sein, weil andere Zutaten fehlten.
    2. Knusperflocken wurden angeblich hergestellt aus den Bruchstücken von Knäckebrot, die vom Boden aufgekehrt wurden.
    3. Jeder der bei der NVA war erzählte mir von jemandem, der jemanden kennt….der sich mit einer Handgranate den Arm abgesprengt hat. So viele Versehrte wie Legenden kann es gar nicht gegeben haben.
    usw.
    4. Ostdeutsche Indianerstämme – siehe http://goo.gl/SpBhY2
    5. In der „Kernseife“ soll angeblich Knochenmehl gewesen sein
    und hier stehen auch noch ein paar: http://goo.gl/RCpu1x

    Wäre vielleicht auch wieder was für ein Hoaxzilla Feature 😉

  7. Schlimm!
    Jede Folge mehr, die deine Mutter dabei ist, Martin, verkommt ein Stückchen mehr zur „Früher war alles besser und HEUTZUTAGE ist alles furchtbar“-Ostalgie.
    Früher waren die Marken noch was wert, früher war die Qualität noch gut, früher hat man die Dinge mehr wertgeschätzt…
    Dieses ständig mitschwingende Nörgeln vermiest einem echt den Spaß an der Folge.

    • Den Eindruck hatte ich nicht – uns ging es vielmehr darum, die Konsumwelt von heute im Vergleich zu der damals zu betrachten. Das früher alles besser war, würde von uns keiner so unterschreiben, aber dass auch heute unter den Stichworten „geplante Obsoleszenz“ und der von uns erwähnte „markenlose“ Supermarkt diskutiert und als Gegenentwurf zum Wegwerfkonsum Beachtung finden, erlaubt aus unserer Sicht schon mal einen vergleichenden Blick zu „früher“ – in Ost UND West.

    • Ich habe wohl alle Folgen mit Martins Eltern gehört und den „Nörgel-Vorwurf“ kann ich ebenfalls nicht nachvollziehen. Ganz im Gegenteil: Ich finde, daß Martins Eltern ausgesprochen Ostalgie-frei sind. Die machen beide (zumindest auf mich) den Eindruck, daß sie zwar gern mal in die Vergangenheit schauen (ganz bestimmt auch aus so einem „damals, als wir noch jung waren und der Martin noch klein“ 😉 -Gefühl heraus!), aber durchaus gut erklären und differenzieren können, warum „hier“ oder „dort“, früher oder heute irgendwas gut, besser oder schlechter war.

      Außerdem finde ich das grundsympathisch und richtig nett, wenn Martins Mutter ins Schwärmen gerät. Mir gefällt das! 🙂

      • Hallo Henriette,

        vielen Dank für den netten Kommentar und das Kompliment. Habe mich sehr gefreut.

        Christine

  8. Zum Thema von DDR Marken, die im Westen begehrt waren, und auch Marken, die es in beiden Teilen Deutschlands parallel gab, denke ich an den Teubner Verlag, der lateinische und griechische Texte ausgab. Ich war Amerikanischer Altertumswissenschafter und 1988 habe ich mich beworben, an einen Ferienkurs fuer Germanistik in Leipzig teilzunehmen, wo ich die Strassen mit lateinischen Buechern gepfastert sein dachte. Da es aber keinen Platz in Leipzig gab, bin ich stattdessen in Rostock gegangen (https://www.flickr.com/photos/ken_mayer/sets/72157617558697292/). Damals existierten gleichzeitig zwei voellig verschiedene Unternehmen mit dem Namen des beruhmten Teubner Verlags, eins in Stuttgart und das andere in Leipzig und die haben vom Aussehen her sehr aehnliche Ware angoboten. https://de.wikipedia.org/wiki/B._G._Teubner_Verlag

  9. Hiho,

    (nein, ich bin nicht die Henriette von da weiter oben – das ist einfach Zufall mit den gleichen Namen 😉 – in der Folge habt ihr gefragt, ob man im Westen auch Orwo-Filme kannte: Na klar! Auf der Transitstrecke zwischen Helmstedt und Berlin gabs – an einer Autobahnbrücke? – ein Riesenbanner: „Orwo – Film aus Wolfen“ 🙂 Und natürlich auch jedem Transitreisenden bekannt: „Plaste und Elaste aus Schkopau” – was bei jeder Reise nach Berlin für große Erheiterung sorgte 😉

  10. Da ich die Sendung gerade höre, eine ganz wichtige Marke wurde vergessen. Der Bautz’ner Senf. Wende gut überstanden, und auch Leute im westen Deutchlands wissen ihn zu schätzen. Auch interessant, dass die Marke/Firma offentlich ein positives Beispiel für die Treuhand ist.

    Eventuell noch erwähnenswert: Vita und Club Cola. Inzwischen wohl hoher Marktanteil im Osten, sehr beliebt.

    • Lieber el_loko74,
      stimmt, der Bautz’ner Senf steht auch hier im Kühlschrank und schmeckt nach wie vor sehr gut. Am besten natürlich (neben Born Senf!) zu Thüringer Rostbratwurst!
      Beste Grüße
      Martin

  11. Die Marke in der DDR

    Hallo Martin, gestern hörte ich diese Folge und mir fiel noch etliches zum Thema ein.

    Auf jeden Fall sind die Interviews mit deinen Eltern auch unterhaltsam und informativ. Diesmal fehlte mir aber etwas der Tiefgang und auch die Kompetenz, die ich dann von den späteren Folgen mit Gesprächspartnern vom Fach kenne.

    Es geht los mit einer Begriffsbestimmung, die du zwar rudimentär versucht hast. Der Begriff „Marke“ in dieser Hinsicht hat einen großen Bedeutungsumfang. Eine Marke im Sinne von „Brand“ hat einen psychologischen Background, sie macht etwas mit uns, deshalb ist sie wohl quasi im Laufe der Geschichte wie „von selbst“ entstanden.

    Man könnte auch erst einmal umreißen was es alles für Marken gibt oder über welche Art von „Marken“ man sprechen möchte. Nicht nur die klassischen Marken, die ihr aufgezählt habt. Man kann da schon unterscheiden zwischen Hersteller- und Produktmarken. Es gibt auch Markenbezeichnungen für Produktfamilien oder Serien, die es auch in der DDR gab. Manchmal waren diese „Marken“ bekannter als der Hersteller selbst. Ich denke da an die PRACTICA, die wohl als Marke in der DDR bekannter war als der Hersteller VEB Pentacon Dresden. Oder die Schreibmaschinenserie „Erika“. Sowas prägt sich ein. Und darum geht’s! Wohl unter anderem auch bei der Marke. Um Kürze, um Wesentliches und Prägnantes.

    Daneben gab es aber viele andere Dinge, die man auch noch unter dem Begriff „Marke“ – so wie wir es heute vielleicht als „Branding“ bezeichnen – verorten könnte. Dabei denke ich beispielsweise an die zahlreichen Massenorganisationen, auch Parteien und Institutionen, die jeweils ein eigenes Symbol und eigene Farben besaßen, manchmal auch Losungen. Dadurch wurde das Image dieser Marke geprägt.

    Darüber hinaus hatten viele Veranstaltungsreihen , groß und klein, ein einheitliches Design und auch schon eine Art „Markencharakter“. Angefangen bei den Parteitagen der SED, Pfingsttreffen der FDJ, Pioniertreffen, Arbeiterfestspielen, Kinder- und Jugendspartakiade sowie zahllosen Veranstaltungsreihen im kulturellen Bereich, die lokal auch mitunter Markencharakter besaßen. Ein wesentliches Merkmal dieser geschaffenen „Marke“ ist die Wiedererkennbarkeit und der Wiedererkennungswert.

    Auch viele Zeitschriftentitel, die sicherlich in der DDR populärer und nachgefragter waren als heute hatten Markencharakter. Manchmal hatten die schon eine Art ikonografische, legändere Bedeutung. Genauso auch Fernsehsendungen oder Sendereihen. Mann könnte sogar diskutieren, ob das Sandmännchen oder Pittiplatsch eine Art „Marke“ darstellt. Auch Band-Namen wurden zu Marken.

    Gefehlt hat mir auch etwas die Beleuchtung der Geschichte und Entstehung der Marke. Ich denke, dass Deutschland weltweit verglichen eine extrem hohe Markendichte hat. Das muss historische Gründe haben. Was waren denn die ersten „Marken“? Hier könnte man an Vorkriegszeiten anknüpfen: in den 20iger und 30iger Jahren gab es unzählige kleine Firmen und Geschäfte, und entsprechend viel Reklame. Einige überlebten den Krieg und wurden danach auch in der DDR weitergeführt, manchmal dual in Ost und West gleichzeitig! Man denke an Brockhaus oder Reclam, auch Persil oder ATA.

    Die DDR knüpfte in den ersten Jahren an diese Tradition der kleinen Geschäfte und privaten Firmen an. Ich kenne persönlich Beispiele aus Zeitschriften aus den fünfziger Jahren, in denen noch sehr viele Werbeanzeigen von kleinen Firmen abgedruckt wurden. Auch ein Stück DDR und dieser Marken-Geschichte. Dort erkennt man noch die Vielfallt und Menge an kleinen Firmen, die sich auch bereits einen Namen, also eine kleine Marke geschaffen hatten. Oftmals bauten diese auf ihrem guten Familienname auf. Es heißt ja auch: „Sich einen Namen machen“. Auch das hat etwas mit dem Thema Marke zu tun. Bis in die Sechziger konnte dieses kleine Biotop privaten Geschäftssinns in der DDR weitergedeihen. Dann mussten viele private Marken, die auf dem Fleiß und der Geschäftstüchtigkeit Einzelner basierten, verschwinden.

    Gefehlt hat mir dann auch, in der folgenden Phase des Sozialismus in deutscher Gestalt und seiner Wirtschaft eine globale und etwas wissenschaftliche Betrachtung auf das Thema „Marke“. Natürlich hatten auch Marken im Sinne von wiedererkennbaren Gebrauchsmarken, Qualitätssiegel oder Produktbezeichnungen eine Daseinsberechtigung und einen Wert und eine wichtige Bedeutung in der DDR. Hier fehlte mir etwas die thematische Aufbereitung. Sicher könnte so einer wie Herr Wolle etwas dazu sagen. Ich denke, dass die DDR dieses Thema keineswegs nur stiefmütterlich behandelt hat, sondern nur anders. Die DDR wollte ja auch etwas darstellen, sie wollte eine bestimmte Außenwirkung, weltweit – beispielweise auf den Messen – oder in Handelsbeziehungen – im RGW und auch im NSW. Dort spielten die DDR-eigenen Marken eine große Rolle. Die mussten ja erst einmal geschaffen und mit Leben gefüllt werden. Das geschah nicht von selbst. Denke hier an MALIMO. Es gab Menschen im System, die sich nur mit solchen Themen beschäftigt haben. Zum Beispiel Formgestalter und Werber bei der DEWAG. Es gab eigene Warenzeichenverbände in der DDR, diese Marken waren sogar international geschützt. Hier denke ich an die speziellen Kunstfasermarken mit denen die DDR international auftrat und diese lange Zeit als ein Merkmal des Fortschritts galten. DEDERON, GRISUTEN und WOLPRYLA.

    Da das Wirtschaftssystem der DDR anders aufgebaut war, und nicht so sehr auf Konkurrenz beruhte – waren die Marken immer noch wichtig – aber sie hatten nun eine andere Bedeutung, einen tendenziell etwas anderen Zweck als im Kapitalismus, oder sagen wir der Markt-Wirtschaft. Die DDR hatte unzählige sehr gute Formgestalter und Gebrauchswerber, die diese Marken mitgestalteten. Die Ausgangspunkte und Überlegungen, auch für die Schaffung von Begriffen und Namen dabei waren sehr unterschiedlich. Die Kreativität, der Ideenreichtum und das Können Einzelner, aber oft die schlichte Zweckbestimmung waren dabei entscheidend – die Ergebnisse, wie ihr im Gespräch festgestellt habt, unterschiedlich. Wenn man nachforscht, zeigt sich jedoch eine erstaunliche Fülle an Marken, Logos und Signets, die jeweils alle professionell gestaltet waren, nur selten blieb das dem Zufall überlassen. Trotz der Abwesenheit von Werbung nahm die visuelle Kommunikation doch in der DDR auch einen hohen Stellenwert ein – eben auf andere Art – und es gab glücklicherweise etliche kluge und auch kreative Köpfe, die sich in der DDR von Berufs wegen nur damit beschäftigen – Marken zu erschaffen, zu pflegen und sichtbar zu machen. Ich denke an Claus Dietel, Bürger meiner Heimatstadt und viele weitere.

    Man fand diese DDR-Marken auf Plakaten, in Zeitschriften, Broschüren, Drucksachen und auf Briefmarken. Ich habe einige solcher Hefte von Kunstausstellungen der DDR, in denen diese Marken und Logos zu sehen sind. Einige bekannter , einige hat man noch nie gesehen. Die angewandte und darstellende Kunst, Produktdesign , Logogestaltung und Plakatkunst ging in der DDR Hand in Hand. Auch das ist vielleicht ein typisches Kennzeichen der besonderen Politik, die den ganzheitlichen und verbindenden Charakter unterstreicht, das alles von einer großen Idee, einem gemeinsamen Ziel getragen ist. So etwas ist heute undenkbar! Wir haben es miterlebt und können dankbar sein.

    Durch mangelnde Konkurrenz und Verkaufsdruck waren sicherlich die Aspekte zur Gestaltung eines Logos anders – sie mussten sich nicht auf den Zweck versteifen, das es den Betrachter anschreit: „Kauf mich!“, sondern konnte sich dadurch auf andere und feinere Aspekte, „dem Kern des eigentlichen Wesens“ richten. Zahlreiche Produktvorstellungen, zum Teil auch Produktvergleiche von DDR-Produkten und ihren Marken finden sich entsprechenden Zeitschriften, beispielsweise dem „Guten Rat“. An DDR-Spülmittel gab es nicht nur Fit (stammt auch aus meiner Heimatstadt) sondern insgesamt etwa 7 bis 9 verschiedene Spülmittel.

    Das sich entwickelte Markenbewusstsein beim Käufer im DDR-Alltag war wohl eine gänzlich andere als in der BRD. Das habt ihr gut herausgestellt. In seiner Wahrnehmung spielte die eigentliche Marke mit einem bestimmten Qualitätsversprächen beim Kaufverhalten aufgrund von Mangel und fehlendem Konkurrenzangebot oft nur eine untergeordnete bis auch vernachlässigbare Rolle.

    Hier spielt in diesem Zusammenhang auf jeden Fall das Thema Produktverpackung und Produktpräsentation in der DDR eine Rolle, was sicher eine eigene Sendung wert ist. Diese ist aus jetziger Sicht wahrgenommen in der Qualität meist schlechter oder von einer oft rudimentären und zweckmäßigen Qualität im Vergleich zum Westen. In der Retrospektive kann man verschiedene Gründe und Faktoren dafür erkennen, Mangel an Material, auch an guten Farben, an Papier sowieso immer – natürlich auch an den entsprechenden Maschinen und Anlagen – vor allem sicher auch der fehlende Grund wegen eines Nachfrageüberhangs sich mehr Mühe geben zu müssen – wenn es auch so ging. Die „Markenvielfalt“ in der DDR war also in vielen Branchen von einem einzigen Produkt oder Hersteller dominiert. Das war ja auch zum Teil staatlich so gewollt. In diesem Moment wird die Marke unwichtiger, sondern es kommt nur darauf an das Produkt selbst zu ergattern – zu „erwischen“ – was aus heutiger Sicht unverständliche Erfolgserlebnisse auslöste! Die Verpackung und auch die Marke wird dabei unwichtig.
    Erst nach der Wende erhielten nun durch den Kontrast und das Alleinstellungsmerkmal „Ex-DDR“ die sog. Ost-Marken eine besondere Farbe und Bedeutung. Eben jene, dass sie nun mit ihrem vertrauten Design im frischen Kleid Botschafter des Lebensgefühls eines vergangen Landes sein dürfen!

    Badusan, Bambina und Sambalita

    Abschließend bleibt zu sagen, dass man in der Retrospektive staunt, welche Vielfalt und welcher enorme Reichtum an Marken, Produktbezeichnungen und Logos in der DDR entstanden. Einige davon dürfen marktwirtschaftlich gewandelt im Supermarkt- und Küchenregal weiterleben, andere gehegt und gepflegt, reanimiert und poliert im Hobbybereich. Die DDR schuf auf der Grundlage der Mentalität ihrer Menschen, deutschen Fleißes, Ideenreichtums eine „konkurrenzlose“ Welt vieler neuer Marken – die ihrerseits ihr eigenes Image beim Empfänger entwickelten – eine andere lebens- und Konsumwelt, die nicht zuerst durch Gewinnstreben, Wettbewerb und aufmerksamkeitsgierender Signalwirkung bestimmt wurde, sondern durch intendierte Ideale, Zwecke und Ideologien, aber auch durch Mangel und Improvisation.
    Die Erinnerungskultur der DDR wird wohl mit an vorderster Front von ihren typischen und mit ihr verknüpften Marken und Produktbezeichnungen bestimmt. Bis sie schließlich selbst, als DDR, samt ihres Staatswappens und ihres symbolgebenden Umrisses zur eigenen Marke wurde. (Da schließt sich der Kreis!) Die DDR steht für etwas ganz Bestimmtes, im Guten wie im Schlechten – das bezeichnende ist, sie hatte ein recht eindeutiges Ideal, eine Bestimmung, ein klares Ziel und einen Zweck. Auch das macht eine echte Marke aus.

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